Der Verlust von Details

Wir waren am vergangenen Sonntag in Wernigerode und haben uns das Schloss und die historische Altstadt angesehen. Als ich mir die ganzen Teller, Kamine, Möbel und sonstiges Inventar angesehen hatte, stellte ich mir die Frage, wie viele Details wir in unserem heutigen Leben voller Technik verloren haben.

Sicherlich waren diese prachtvollen Stücke dort in dem Schloss, dem wohlhabenden Adel vorbehalten, da sich ein einfacher Arbeiter dies nicht leisten konnte. Trotzdem habe ich ehrfürchtig auf diese kleinen Meisterwerke der Handwerkskunst geblickt. Seht mal in euren Küchenschrank und sagt mir, was ihr beim Anblick eines heutigen Tellers denkt. Höchstwahrscheinlich “Hmmm, wann gibt es wieder Essen?” (wenn ihr ein Mann seid) oder einfach nur “Schöne Form/Muster”. Bei diesem alten Stücken vergleiche ich das gerne damit, dass sie “eine Persönlichkeit” haben. Jeder Gegenstand scheint seine eigene Geschichte zu haben und scheint ein Stück des Menschen widerzuspiegeln, der es geschaffen hat. Diese Gedanken sind mir aber auch bei dem Gang durch die historische Altstadt gekommen. Kein Haus ist mit dem von nebenan identisch. Heute gibt es modulare Baukonzepte… dafür aber mit Wärmedämmung und Rohbau innerhalb von ein bis zwei Tagen ;)

Wir leben in einem Zeitalter der Massenproduktion und der Wegwerfgesellschaft. Produziert wird nicht mehr mit der Hand. Ein Arbeiter hat wesentlich seltener Kontakt mit der Ware oder dem fertigen Endprodukt, da es meist von verschiedenen Menschen in mehreren separaten Produktionsschritten hergestellt wird. In den Sozialwissenschaften wird das auch als “Entfremdung” vom Produkt bezeichnet. Es soll ja heute auch nicht mehr alles ewig halten, damit der Kunde wiederkommt und ein neues Produkt kauft. Die Hersteller jagen von einem Modell zum nächsten oder eine neue Programmversion wird fällig. Letzten Endes ist ein ausgelieferter Artikel, mit denen seiner Produktionscharge identisch und liegt als Massenprodukt vor. Versteht mich nicht falsch, es hat ja auch Vorteile. Es können jetzt in der gleichen Zeit wesentlich höhere Stückzahlen produziert werden, was dann den Preis senkt. Alles muss effektiver werden und wird rationalisiert. Der amerikanische Soziologe George Ritzer nennt diese Entwicklung die “McDonaldisierung” der Gesellschaft. Es soll vorhersehbar und bis auf den letzten Millimeter planbar sein, wie das endgültige Produkt aussehen wird.

Diese Entwicklungen sind wohl auch der Grund, warum ich heute bei jedem älteren Bauwerk staune. Wie viel körperliche Arbeit darin steckt und wie lange diese immer noch Bestand haben. Es ist einfach ein Unterschied, ob eine Wand noch Stein für Stein gemauert wird oder durch eine Verschalung fix mit Beton gefüllt wird. Trotz der modernen Bautechniken und Wärmedämmungseigenschaften, lassen mich schöne und alte Fachwerke eher verweilen, als ein Neubau aus Glas und Beton.

Was mir einfach so durch den Kopf ging war einfach die Tatsache, wie sehr wir uns doch an einfache Strukturen und Elemente in unserem Alltag gewöhnt haben. Ist etwas defekt, gehen wir los und besorgen dafür den entsprechenden Ersatz. Damals war jedes Stück, mehr oder weniger, ein Unikat. Die menschliche Hand erreicht im Bereich der Reproduktion von Mustern nicht die Genauigkeit einer Maschine. Dafür gibt es dem Stück aber Individualität. Aus diesem Grunde finde ich es immer Schade, wenn eine Handwerkskunst ausstirbt. Ich finde es einfach faszinierend daran zu denken, dass zum Beispiel ein Messer nicht in wenigen Minuten maschinell, sondern über Stunden oder Tage per Hand und auch mit Hingabe gefertigt worden ist. Der Mensch, der es gefertigt hat, hatte zu seinem Produkt noch ein ganz anders Verhältnis und der Kunde hatte sicherlich auch eine komplett andere Wertschätzung.

Trotzdem möchte ich nicht mehr in diesen Zeiten leben. Allein schon wegen der fehlenden Breitbandanschlüsse. Die Datenübertragung per Rauchzeichen ist ja leider auch vom Wetter abhängig und finde mal einen Adapter für die iHolztafel :D

Mir geht es nicht darum zu sagen “Damals alles gut und heute alles doof.” – es ist halt anders und ich finde es immer wichtig, dass solche alten Stücke mit einer eigenen Geschichte immer erhalten bleiben, denn letzten Endes ist es alles ein Teil unserer Geschichte als Gesellschaft. Es sind die Details an den Stücken, die mir aufgefallen sind. Zum Teil waren kleine Geschichten, Personen und Figuren auf Gegenständen abgebildet, die im Alltag Verwendung fanden. Ich habe mir die anderen Besucher angesehen und keiner von ihnen hatte an diesem Tag wahrscheinlich mitbekommen, dass jeder Raum eine andere Deckenverzierung hatte. Wir haben halt nicht mehr das Gespür für Details oder?! Eventuell ist das der Grund, warum wir beginnen, wieder unsere Produkte wieder anzupassen. Das beginnt damit, dass wir unsere Apps, unseren Bedürfnissen entsprechend, für unser Mobiltelefon suchen oder wir unser eigenes Müsli zusammenstellen lassen. Es ist einfach mal ein Thema über das ich mir Gedanken meine gemacht habe und eventuell sieht es ja der/die eine/r oder andere Leser/in ähnlich.

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